Das Krokodil – Pressestimmen

volksstimme vom 30.9.2014

volksstimme vom 30.9.2014

Die LVZ berichtete am 25.07.2014:
„Und…schnapp!
Dostojewskis kluge Kapitalismus-Parabel „Das Krokodil“ im Innenhof der Moritzbastei

Von Theresa Wiedemann

Dass Fjodor Michailowitsch Dostojewski ein überaus weiser Mensch war, ist an sich erstmal keine Neuigkeit. Wie genau er aber schon vor 150 Jahren die absurden Blüten voraussah, die der ach-so-segensreiche Kapitalismus treiben würde, ist durchaus bemerkenswert. Verarbeitet hat er seine Zweifel am übersteigerten Rendite-Glauben in der Erzählung „Das Krokodil“, die die Theatercompagnie Tom Wolter und Kollegen am Mittwochabend in der Moritzbastei zeigte.
Darin sitzt der Schock zunächst tief. Um sich auf eine Reise ins glorreiche Westeuropa vorzubereiten, wollen sich Iwan Matwejewitsch (Ralf Bockholdt) und seine Frau (Elsa Weise) mit den dortigen Gepflogenheiten vertraut machen und eilen hin, als sie von der Ankunft eines deutschen Schaustellers hören. Der hat Krokodil Karlchen im Gepäck und verdient mit dieser Attraktion ebenso ordentlich wie seine Ahnen zuvor. Iwan wagt sich allerdings zu nah ran an das Corpus Delicti und wird – schnapp – verschlungen. Die Beine voran verschwindet er unter hysterischem Geschrei seiner Frau und zufriedenen Rülpsern des Tiers im Alligator, wenn auch bei lebendigem Leibe.
Mit dieser Situation gilt es nun umzugehen. Die Gattin Jelena Iwanova bangt um ihren Liebsten und fordert rigoros, Karlchen aufzuschlitzen. Der Besitzer wehrt ab, schließlich ist nur ein lebendiges Krokodil ein gutes, weil rentables Krokodil. Und Iwan Matwejewitsch selbst stört, dass er sich nur so schwer mit der Außenwelt verständigen kann – so ein Tierkörper dämpft die Umgebungslaute ungemein – und er seinen Vorgesetzten in der Behörde keine plausible Erklärung für seine missliche Lage liefern kann.
Dem Credo „Die ökonomischen Maxime gehen über alles!“ entsprechend dauert es aber nur kurz, bis alle Beteiligten die schlagenden Vorzüge der Situation entdecken: Der Eigentümer zieht kurzerhand die Preise an, weil sich sein Schaustück schon allein hinsichtlich des Gewichts ja im Grunde verdoppelt hat. Jelena freut sich über ihren neuen Stand als Quasi-Witwe, eigentlich hatte sie ohnehin die Scheidung gewollt und Hausfreund Semjon wittert Morgenluft, jetzt vielleicht doch endlich bei ihr zu landen.
Und Iwan genießt die plötzliche Berühmtheit und nutzt seine Zeit in der neuen weichen, warmen und leicht gummiartig anmutenden Umgebung, „ein vollkommenes soziales System“ zu erdenken. Wo eben noch über Schadensersatz diskutiert wurde, breitet sich nun ein gefälliger Win-Win-Konsens aus, den nicht anficht, dass ein Mensch gerade sein Leben verliert.
Regisseur Tom Wolter bringt diese vielschichtige Parabel amüsant und klug auf die Bühne. Er lässt beide Schauspieler von Rolle zu Rolle springen, tanzen, große Augen machen und in aller Krokodil-Aufregung um standesgemäße Contenance ringen. Mit ihrer Hauptrequisite – einem Tisch – und plastischen Gesten erschaffen sie, was für ihre begeisternde Groteske nötig ist: Russland, eine Badewanne oder eben das Reptil.
Weise und Bockholdt gelingt es so, den verblendeten Fortschrittsglauben zu illustrieren, den man seinerzeit an den Westen knüpfte. Dieser findet in der „Krokodil“-Inszenierung der Künstler aus Halle ein recht abruptes Ende, was vielleicht nicht nur dem aufkommenden Sturm oder dem fragmentarischen Charakter der Textvorlage geschuldet ist, sondern sich auch als Statement lesen lässt. Die Warnung nämlich ist aktueller denn je: Vorsicht vor dem Krokodil.“
Wiedemann, Theresa: Und…schnapp!, in: Leipziger Volkszeitung, 25.07.2014, Nr. 171, S. 11.


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