Die Alte – Pressestimmen

Wundertäter im Waschhaus
Tom Wolter ist nach drei Jahren zurück auf der Bühne – Solostück, das dem Schauspieler alles abfordert

VON HELEN HAHMANN
HALLE/MZ. Fast im Verborgenen trat der umtriebige hallesche Schauspieler Tom Wolter am Wochenende dreimal vor sein Publikum. Nach drei Jahren kehrte der Gründer der Freien Komödianten mit dem Solostück “Die Alte oder Es regnet stark oder Daniil Charms hat mich zu diesem Abend gezwungen” zurück auf die Bühne. Obwohl – eigentlich handelte es sich eher um eine imaginierte Bühne. Wolter wählte die Kult-Kneipe “Waschhaus” auf der Richard Wagner Straße für sein Comeback aus und damit Waschmaschinen und Wäschetrockner als Staffage.
Nicht nur im Titel, sondern auch mit dem besonderen Aufführungsort klingt an, dass Wolter sein Publikum mit einer humor- und anspruchsvollen sowie unterhaltsamen Aufführung erwartet. Das Stück ist die Adaptation eines Romans des russischen Schriftstellers Daniil Charms. Die Geschichte, “die eine einfache sein sollte”, trägt sich in Halle zu. Darin spielt Wolter einen Autor, der zu Beginn – erst ein wenig verlegen, dann geistesabwesend, dann euphorisch – von dem Buch “Der Wundertäter” erzählt, an der er schreibt. 18 Stunden lang hat er an seinem Werk gesessen und geschrieben. Dort im Waschhaus. Doch beim Schreiben ist ihm der Faden gerissen, sind die Gedanken in Unordnung geraten, nachdem sie doch schon einen Namen hatten. Er schläft ein. Plauzt mit dem Kopf auf die Waschmaschine und erwacht aus einem Traum, in dem er versucht hat, ein Seil über einen Ast zu werfen. Er wirkt verstört. Manchmal wütend. “Ich schreibe ein Buch! Ich bin beschäftigt!” Gestikuliert. Ringt nach Worten. Geht angespannt vor den vier Waschmaschinen, die ihm als Bühnenbild dienen, auf und ab.
Wie schon in Federico Fellinis Film “8 1 / 2″ geht auch die von Tom Wolter erzählte Geschichte im Kern auf viel mehr als eine kreative Krise eines Künstlers ein. Es wird deutlich, dass dieser entgleiste Mensch an seinen Lebensumständen scheitert, mit einer Lebenskrise kämpft. Das Stück hat Witz. Es saugt die bittere Ironie eines Schriftstellers auf, dem die Worte fehlen. Wolter erzählt die Geschichte des verzweifelten Autoren mit Lebhaftigkeit, kraftvoll, entschlossen, überzeugend. Er setzt dabei auf feststehende Monologe, die sich mit improvisierten Passagen abwechseln.
Erstaunlich, wie schnell Wolter im Verlauf des Stückes zwischen diesen beiden Ebenen hin und her springen kann. Genau dieses Jonglieren mit dem Moment gibt dem Stück einen mobilen, spritzigen, jetztbezogenen Charakter. Auch die Farbigkeit des mimischen und stimmlichen Ausdrucks, mit dem sich Wolter dem Publikum präsentiert, verblüfft. Weil der Premierenabend auf großes Gefallen stieß, bleibt zu hoffen, dass es nicht bei diesen drei Vorstellungen bleibt. Sicher jedoch ist, dass Tom Wolter, der auch als Stadrat der Mitbürger gewählt ist, damit in die aktive hallesche Schauspiel-Riege zurückgekehrt ist. Die Geschichte des Autors jedenfalls endet nicht ohne Hoffnung auf ein glückliches Ende. Es schreibt den ersten Satz seines Buches nieder und entlässt das Publikum mit einem Schmunzeln auf den Lippen aus dem Stück: “Der Wundertäter war von großer hagerer Gestalt.”" MZ vom 16.08.2009