Obszöne Fabeln – Pressestimmen

Die Leipziger Volkszeitung berichtete zum Sommertheater in moritzbastei:

„Theater mit dem Presslufthammer
Wolter und Kollegen mit Dario Fos „Obszönen Fabeln“ im Innenhof der Moritzbastei

Von Theresa Wiedemann

Die Woche beginnt derb, aber unterhaltsam. Mit zwei „Obszönen Fabeln“ startete die Hallenser Theatergruppe Tom Wolter und Kollegen am Dienstagabend in ihre Sommertheater-Serie im Hof der Moritzbastei. Der Name ist dabei zwar Programm, aber Wolter und seine beiden Musiker umschiffen die Fallstricke der Zotigkeit, die beide in Szene gesetzten Vorlagen bieten, an diesem Abend souverän.
Dass die auf Dario Fo zurückgehende Inszenierung in dieser Form bereits zwanzig Jahre – genauer: neunzehn Jahre und zehn Monate – und davon einige Zeit in der Schublade auf dem Buckel hat, merkt man ihr kaum an. Geiger Gunthard Stephan, Schlagzeuger Jan Möser und er selbst hätten sich derweil ja auch vornehmlich innerlich verändert, „äußerlich fast gar nicht“, scherzt Wolter. Ihre Zusammenarbeit auf der Bühne aber stimmt, und am althergebrachten Inhalt beider Stücke ändern zwei zusätzliche Dekaden nun auch nichts mehr.
Der „Aufstand von Bologna“ zum Beispiel spielt im Italien des 14. Jahrhunderts und berichtet von einer sehr speziellen Belagerungstaktik, mittels derer die dortigen Bürger dem päpstlichen Legaten ihren Unmut kundtun. Einen Feldzug hatte man seinetwegen verloren, und der Kirchenmann verschanzt sich nun samt aller Reichtümer der Gegend auf dem örtlichen Castell. Bei dessen Wasserversorgungen die Fließrichtungen von Frisch- und Abwasser zu vertauschen, ist dabei nur die erste Ausformung des Volkszorns. Der äußert sich vor allem in einer unheilvollen Kombination aus Fäkalien und katapultartigen Wurfgeräten, die selbst den spielenden Wolter bisweilen gelinde anzuekeln scheint.
Auch im „Flattermäuschen“, der zweiten Geschichte des Abends, geht es unter die Gürtellinie. Die erzählt die noch ältere Fabel um einen Hirten, der vorzugsweise allein auf seiner Alm sitzt und seinen Schafen (Stephan und Möser in hingebungsvollem animalischem Einsatz) beim Blöken zuhört. Aufgrund einer Erbschaft wird er über Nacht zum gefragtesten Junggesellen des Tals, und zufällig braucht der ansässige Priester noch einen Strohmann für seine Geliebte. Alles fügt sich, bis der Hirte in der Hochzeitsnacht nun doch mal an dieses Mäuschen will, das seine Braut da angeblich unter dem Rock hat.
Dieses Ausmaß an inhaltlicher Frivolität könnte Wolter, der selbst Regie führt und auch als Schauspieldozent arbeitet, schnell auf die Füße fallen. Stattdessen punktet er durch die entspannte Haltung zum Publikum, die ihm Sympathien verschafft, und seine fundierte handwerkliche Ausbildung. Wolter weiß genau, was auf einer Bühne wie wirkt und präsentiert sich als multiple Persönlichkeit im besten Sinn: Er illustriert herrlich körperlich, wie jeder Soldat ein wenig anders in den Kampf zieht, die Braut anmutig die Treppe hinabschwebt oder sein Schäfer durch den dunklen Wald hetzt.
Was Tom Wolter hier zeigt, ist nicht unbedingt der Inbegriff des Tiefsinns: Wenn es ein Theater der leisen Töne gibt, dann sind die „Obszönen Fabeln“ eher eines mit dem Presslufthammer. Wolter und seine Kollegen suchen in dieser Inszenierung aber nach den Überresten des traditionsreichen, unverklärten und oft vergessenen europäischen Volkstheaters. Und das macht ihre Sache höchst ineressant.“

Wiedemann, Theresa: Theater mit dem Presslufthammer, in: Leipziger Volkszeitung, 24.07.2014, Nr. 170, S. 10.